Oliver Kölsch

s_luiz-e-rafael-like„Wir sprechen es mit Entsetzen aus, aber seit alters her herrscht hier ein großer Brauch: die nicht weiter können, werden in das Tal hinausgeschleudert.“

(Bertolt Brecht, „Der Jasager und der Neinsager“).

Dieses Zitat stammt aus einem Lehrstück von Bert Brecht, welches von einer Bergexpedition handelt. Hierbei erzählt Brecht zweimal eine Geschichte, die zwar gleich beginnt, jedoch unterschiedlich endet. Kernstück ist, dass eine Expedition über die Berge stattfinden muss, um dringend benötigte Medizin in ein Dorf zu bringen. Hierbei erkrankt ein Teilnehmer und es entfacht eine Diskussion, ob man diesen zurücklassen soll. Im „Jasager“ stimmt der Betroffene diesem Entschluss zu, bittet jedoch darum, ins Tal hinabgeworfen zu werden. In der zweiten Variante, dem „Neinsager“, lehnt er es ab, wird aber dennoch von der Gruppe den Berg hinabgeworfen.

Welchen Bezug hat aber dieses Lehrstück zu der aktuellen Diskussion hier im Forum? Brecht bietet in beiden Geschichten nicht das „Happy End“ an, nämlich den Versuch, die heikle Situation gemeinsam zu stemmen und mit vereinten Kräften den Erkrankten zu retten. Er tut dies mit der Intention, dass der Leser oder Zuschauer, zum Nachdenken angeregt wird und versucht eigene Lösungsmöglichkeiten zu finden. Hierzu möchte ich auch die Besucher dieser Seite aufrufen, in der Hoffnung, dass sich darunter auch möglichst viele Mitglieder des Stadtrates befinden.

Schlüssige Argumente, warum man die Achertalschule nicht nach Fautenbach verlegen sollte, wurden schon in großer Zahl dem Stadtrat vorgetragen, oder auf dieser Seite in den Meinungen veröffentlicht. Es bleibt meiner Ansicht nach also nur noch der Appell an die Menschlichkeit übrig.

Zur Menschlichkeit gehört auch vor allem, dass die Schwachen in unserer Gesellschaft besonderen Schutz benötigen. Wieso werden also genau die, welche nicht so gute Lernvoraussetzungen mitbringen ausgegrenzt und hier sprichwörtlich „ins Tal hinabgeworfen“?

Wieso nimmt man denen, die am meisten praktischer Lernerfahrungen benötigen, genau diese weg? Wieso müssen jene, denen es besonders schwer fällt, sich in dieser Welt zu orientieren, die längsten Wege auf sich nehmen? Und wieso werden die, welche besonders viel Platz benötigen, um sich zu entwickeln und zu entfalten, eingepfercht auf engstem Raum?

Das sind jene Fragen, welche in denen stellen möchte, die für diese Entscheidung verantwortlich sind.

Wenn es in einer wohlhabenden Stadt wie Achern, zu deren Kindern und Enkeln auch Bert Brecht gehört, keinen anderen Lösungsweg für eine solche Situation gibt, so empfinde ich dies, gelinde gesagt, als beschämend. Es handelt sich hier schließlich um Kinder und nicht um eine Ware, die es gilt möglichst platzsparend und kostengünstig unterzubringen. Es bleibt mir letztlich nur noch übrig, denen zu danken, die dieser „Einladung zum Mitdenken“ schon gefolgt sind und sich hier auf der Internetplattform „Schulplätzchen.de“ darüber austauschen und/oder fleißig Unterschriften für einen Bürgerentscheid sammeln.

Es bleibt zu hoffen, dass die Bürgerschaft der Stadt, ganz im Sinne Brechts, darüber nachdenkt und mit einer Vielzahl von Unterschriften bestätigt, dass Achern doch ein Herz für benachteiligte Kinder hat.

Oliver Kölsch (Lehrer an der Achertalschule)

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